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Christliche Abschiebung

 
 
Doch was ein Mensch wert ist, sag mir,
was ein Mensch wert ist,

ein Kriechender im Schlamm
deiner Geringschätzigkeit,
nur, weil er
woandersher kommt,
deine Sprache mühsam spricht,
deine Haut nicht hat,

nur, weil er trotzdem leben will,

sogar noch leben will
dort im Schlamm
deiner Großzügigkeit,
wo er zu lächeln versucht,
obwohl er deine Sorgen nicht hat, ihm
hat man ja bloß

den Revolver an den Kopf gesetzt
und abgedrückt,
und das Gelächter ins Ohr gebrüllt, weil
vielleicht
keine Kugel im Lauf war,

ihm hat man ja bloß

seinen Kopf unter Wasser gedrückt
(in den Eimer mit
seinem Kot und seinem Urin),
bis er fast darin ertrank,
immer wieder,
stundenlang,
wochenlang,

ihm hat man ja bloß

seine Hoden zerquetscht,
sein Haus verbrannt,
seine Mutter geköpft,
seine Kinder vergewaltigt.

Was ist das schon.

Und überhaupt
muß er das erfunden haben,
der dreckige Lügner,
denn

nach soetwas

kann man doch nicht
weiter essen,
weiter atmen,
weiter leben wollen,

kann nicht wieder
lächeln wollen,

so wie der da,

und wenn er weint,
dann sicher nur,
weil er das Geld will,
das du sparen willst,

und sicher nicht,
weil er jeden Tag
Angst davor hat,
einzuschlafen,
nein nein,

die schwarzen Ränder
unter seinen Augen
hat er sich hingemalt,

denn schlafen tut doch jeder,
du zumindest

schläfst gut,
wenn er wieder fort ist,

wenn er weggeräumt ist

von deinen sauberen
christlichen Straßen.

~

 

10. März 2000

mp3, gelesen vom Autor

 
 

Englische Version dieses Gedichtes
übersetzt von J.L.Dunkin-Moore

 
 
Linkliste
zum Thema Asyl, Abschiebung und Menschenrecht

( aktualisiert Januar 2009 )
 
 
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