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Bevor wir schweigen

Ich lege einen Stein des Friedens
in deine Hände, deinen Schoß,
und auch in meinen; und ich frage :
was machen wir denn bloß ?

Es riecht nach Brand, es riecht nach Toten,
von überall kommt Hilfeschrei.
Doch wir, auf sich'rem Boden schlafend,
und mindestens ein bißchen frei,

wir streiten uns um tausend Dinge,
die gar so wichtig für uns sind.
Und nebenan verhungert einer.
Ein anderer erschießt sein Kind.

Wir sagen: ja, wir hören
die Schreie und die Schüsse, doch
das Meer, der Baum: die schreien nicht.
Auch ein paar Tiere stehen noch

so fragend zwischen uns'ren Bomben.
Die bräuchten uns're Taten jetzt.
Doch wir umkreisen lieber Worte
und schlagen zu und sind verletzt.

Und kriechen krumm in uns're Höhlen
und bauen Stacheldrähte aus;
so lange, bis wir ganz verstummen
in uns'rem eig'nen, fremden Haus.

So sollten jetzt, bevor wir schweigen,
vielleicht die Lasten abgewogen
und für uns losgelassen sein.
Sonst sind wir um den Freund betrogen.

Deshalb soll dieser Stein des Friedens
gelegt sein zwischen unser Wort,
damit, bevor wir weiter reden,
in uns erst eine Lücke sei, und

vielleicht ein zueinander Lauschen dort.

 
~

31.März 2000

 
 
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