Einladung offene Runde_26. März 2008

Offene Runde für Spiritualität

Geschrieben von Wolfgang am 13. März 2008 18:28:28:

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13.3.2008


Sei gegrüßt,

ich möchte Dich herzlich einladen zum nächsten Treffen
der 'Offenen Runde' am
26. März 2008, 19 Uhr, Werkhaus
(Adresse siehe unten)

Thema dieses Abends:
-- Simone Weil - Widerstand und Glaube --

Der Abend ist in gewisser Weise eine Ergänzung zu unserem Thema vom
Februar, 'Spiritualität im Spannungsfeld zwischen Konsum-Fasten und
Fasten-Konsum'.

"So wie die allgemeine und dauernde Lage der Menschheit in dieser Welt
aussieht, ist es vielleicht immer ein Betrug, sich satt zu essen.
(Ich habe ihn oft begangen.)" (Simone Weil, 'Cahiers' Band 4)

"Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der
menschlichen Gesellschaft." (Simone Weil)

Simone Weil...? Wer ist denn das? Vielleicht wird mancher von Euch
sich diese Frage stellen. Ich jedenfalls stellte sie mir. Zwar glaubte
ich, den Namen schon mal gehört zu haben, aber ich konnte nichts damit
verbinden, als ich die Ankündigung einer Radiosendung über sie
im Programmheft von Deutschlandradio las.

Ein zusätzlicher Programmtipp und der Titel 'Schwerkraft und Licht'
sprachen mich an. So habe ich mir die Sendung angehört und war fasziniert
von den zum Teil sehr extremen Gedanken einer Frau, die schon zu ihren
Lebzeiten in keine Schublade passen wollte - und vielleicht deshalb
heute höchstens ein 'Geheimtipp' ist. Den ich hiermit gerne weitergebe.

Wir werden uns Auszüge aus dieser Sendung gemeinsam anhören und einige
Gedanken von Simone Weil als Anregung zum Gedankenaustausch verwenden.

Ein paar Daten: Simone Weil wurde am 3.2.1909 in Paris in einer
wohlhabenden jüdischen Familie geboren und starb 1943 im Alter von nur
34 Jahren. Ihre Erziehung war nicht religiös. Sie wurde zuerst Lehrerin,
kam zu Beginn der dreißiger Jahre in Kontakt mit der ArbeiterInnenbewegung,
arbeitete dann trotz teilweise schlechter körperlicher Verfassung 1934-36
in Industriefabriken, beteiligte sich 1936 an der spanischen Revolution
und danach an der französischen Résistance.

Über ihre Erfahrungen, Studien und gesellschaftlichen Analysen schrieb sie
mehrere (vergriffene) Bücher und eine Serie von posthum veröffentlichten
Notizbüchern, die 'Cahiers', die als vollständige Ausgabe erhältlich sind
(125.-EUR).

"So wie die allgemeine und dauernde Lage der Menschheit in dieser Welt
aussieht, ist es vielleicht immer ein Betrug, sich satt zu essen.
(Ich habe ihn oft begangen.)" (Simone Weil, 'Cahiers' Band 4)

In der radikalen Konsequenz dieses Gedankens starb Simone Weil 1943
durch Unterernährung, weil sie sich weigerte, mehr zu essen, als den
Franzosen in dem vom Nationalsozialismus besetzten Frankreich
auf ihren Lebensmittelkarten zugeteilt war.

Die Diagnose des Arztes lautete: "Herzversagen durch Herzmuskelschwäche,
hervorgerufen durch mangelhafte Ernährung und Lungentuberkulose. Die
Verstorbene hat sich selbst getötet und zerstört, indem sie sich in einer
Phase von Geistesgestörtheit weigerte zu essen."

Das kann man so sehen. Aber man könnte auch das Gegenteil behaupten:
ihr **Geist** - ihr **eigener Geist** - dieser **eigene Geist** dieses
Menschen Simone Weil --- wäre 'gestört' worden, wenn sie anders gehandelt
hätte als in Übereinstimmung mit dem, was sie als richtig empfand.

Ob es tatsächlich 'richtig' WAR - wer mag das beurteilen?

Ob es nicht auch im Gedankengebäude ihrer eigenen, selbstaufopfernden
Nächstenliebe eigentlich viel 'logischer' und 'besser' gewesen wäre,
ausreichend zu essen, weiterzuleben - um ihr Leben weiter mit den anderen
Menschen teilen und sich für andere einsetzen zu können, was ihr doch
mit das wichtigste in ihrem Leben war?

"Die eigentliche Methode der Philosophie besteht darin, die unlösbaren
Probleme in ihrer Unlösbarkeit zu erfassen, sodann sie zu betrachten,
weiter nichts, unverwandt, unermüdlich, Jahre hindurch, ohne jede Hoffnung,
im Warten." (Simone Weil, 'Cahiers' Band 4)

Vielleicht war sie im unermüdlichen Betrachten unlösbarer Probleme mitten
in einer auseinanderbrechenden Welt irgendwie doch, vielleicht ohne es
selbst zu merken, ein wenig müde geworden. Und hatte so einfach den Moment
verpaßt, an dem eine Umkehr und ein Weiterleben möglich gewesen wäre.

Ob sie es selbst letztlich erkannt hat?

Wer mag das beurteilen.

"Wichtigster Teil des Unterrichts = lehren, was erkennen ist"
war der letzte Satz in ihren Cahiers.

Laßt uns darüber nachspüren,
darüber nachdenken
und darüber reden.

Hier im Forum hänge ich noch ein paar Links.

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" Die Sakramente (und Dinge dieser Art) sind wie Erinnerungen - Gegenstände,
die Erinnerungen darstellen - an geliebte und verstorbene Menschen.
Der Brief eines geliebten und verstorbenen Menschen, ein Ring, ein Buch,
irgendein Gegenstand, der ihm gehört hat, stellen wirkliche Berührungen
mit ihm dar, wirkliche, einzigartige, unersetzliche Berührungen. Es gibt
keine Liebenden oder echten Freunde, die im Austauschen von Erinnerungsstücken
nicht Freude fänden. Genauso gibt es vielleicht keine richtige Religion
ohne Sakramente oder etwas Analoges. "

Simone Weil
('Cahiers' Band 2)

"Die Zeremonien der Mysterien von Eleusis und des Osiris wurden als
Sakramente angesehen, in dem Sinne, wie wir es heute verstehen. Und
vielleicht waren es wahre Sakramente, von der gleichen Kraft wie die
Taufe oder die Eucharistie, diese Kraft aus derselben Beziehung (rapport)
zur Passion Christi erhaltend. Die Passion stand noch bevor.
Heute ist sie vergangen. Vergangenheit und Zukunft sind symmetrisch.
Die Chronologie kann in einer Beziehung (rapport) zwischen Gott und Mensch
keine entscheidende Rolle spielen, in einer Beziehung, dessen eines Glied
ewig ist. Wenn die Erlösung, mit den sinnenhaften Zeichen und Mitteln,
die ihr entsprechen, auf Erden nicht von Anfang an gegenwärtig gewesen
wäre, könnte man - falls es erlaubt ist, solche Worte ohne Blasphemie
zu gebrauchen - Gott das Unglück so vieler Unschuldiger, Entwurzelter,
Geknechteter, Gefolterter und Gemordeter im Laufe der Jahrhunderte
vor der christlichen Zeitrechnung nicht vergeben. Christus ist auf dieser
Erde gegenwärtig überall dort, wo es Verbrechen und Unglück gibt,
außer wenn die Menschen ihn verjagen."

Simone Weil
('Lettre à un religieux')

" Für jeden kommt ein Augenblick, wo er sich sagt: 'Entweder Gott oder
ich', und sich in einen Kampf einläßt, aus dem alle beide vermindert
hervorgehen. "

E.M.Cioran
('Syllogismen der Bitterkeit')

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Schöne Grüße,

Wolfgang

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'Offene Runde für Spiritualität, Liebe und Bewußtsein'
jeden vierten Mittwoch im Monat
19.30 Uhr

Werkhaus
'Clubcafé Wildwuchs'
(im Hinterhof neben der Buchhandlung 'Colibris')
Leonrodstraße 19
80939 München
(Nähe Rotkreuzplatz, U1)

Die Raummiete (30 EUR) wird gemeinsam durch einen solidarischen
Unkostenbeitrag von ca. 5 EUR bezahlt.

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