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Gedanken zum 11. September
 
 
Die Anschläge des 11. September 2001. Noch jedem im Gedächtnis: die Passagierflugzeuge, die im Tiefflug über die Dächer von New York hinweg in die Türme des World Trade Centers rasen. Die einstürzenden Türme. Die aus den Fenstern springenden, fallenden Menschenchatten, in vielen Filmberichten ausgeblendet. Warum eigentlich? Es waren Menschen, die in panischer Angst, verbrannt zu werden, ihre Angst vor dem Abgrund überwanden und sprangen. In den Tod. Oder hofften manche wirklich, lebendig dort unten anzukommen? Dann wäre auch das doch wert, in Erinnerung zu bleiben. Diese abgrundtiefe Hoffnung, irgendwo anzukommen, auf einem Boden, einem Grund, der selbst dieses Stürzen noch trägt und vielleicht eine Antwort gibt, wozu.

Wenn man die stürzenden Türme zeigen konnte, immer wieder und wieder und wieder, warum dann eigentlich diese Menschen nicht? Zerstürzte Türme kann man wieder aufbauen. Zerstürzte Menschen bleiben fort.

Aber vielleicht könnten diese Menschen trotzdem noch ankommen --- am Boden unserer Augen, wenn wir lernen wollten, die Bilder ihres Sturzes zu ertragen und ihre Frage weiter und weiter und weiter zu stellen: 'Wozu?'

Solche Fragen bleiben haften. Oder werden weggedrängt, irgendwohin in eine Kammer ganz nah unter der Oberfläche der Tage, wo unsere Ängste sitzen und unsere Fluchten, manchmal auch unser Zorn. Eine Kammer wie in der glühenden Finsternis eines Vulkans, voller Lava, schlafend, doch ruhelos, pochend in den Träumen.

Andere Bilder sind auch noch dort in der Kammer. Andere 11. September zum Beispiel, auf die bezogen manche Leute tatsächlich glauben, daß diese 11. September wegen der Bilder von 2001 in Vergessenheit geraten.

Exakt 28 Jahre vor dem Anschlag auf das World Trade Center flogen auch Flugzeuge. Damals bombardierte man den Regierungssitz von Chile. Ein Militärputsch, angestiftet und unterstützt durch die USA, stürzte die demokratisch gewählte Regierung des Präsidenten Salvador Allende, weil der für den Geschmack der USA ein bißchen zu weit links stand.

Ich kann mich nicht daran erinnern, daß es wegen dieses Völkerrechtsbruchs damals oder später weltweite, durch die UNO beschlossene Strafmaßnahmen gegen die USA gegeben hätte. Gegen Saddam Husseins Irak war man da wesentlich williger, als die USA beschlossen, ihn nicht mehr zu brauchen. Wie heißt es in George Orwells 'Animal Farm':

'Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.'

Nach dem Putsch kam eine der grausamsten Militärdiktaturen Lateinamerikas an die Macht. Das störte die USA nicht, und auch andere Staaten, inclusive Deutschland, pflegten mit Chile einen regen Austausch.

Salvador Allende starb am 11. September 1973. Angeblich erschoß er sich selbst, nachdem er den anderen Überlebenden im Regierungspalast den Befehl gegeben hatte, aufzugeben und den Palast zu verlassen. Er wurde von den Putschisten in einem Grab ohne Namen verscharrt. Vom bombardierten Regierungspalast aus hatte er am 11.9.1973 in seiner letzten Radioansprache an das Volk von Chile gesagt:

' Ich bin sicher, daß mein Opfer nicht umsonst sein wird. '

Diese abgrundtiefe Hoffnung, irgendwo anzukommen, auf einem Boden, einem Grund, der selbst dieses Stürzen noch trägt und vielleicht eine Antwort gibt, wozu.

 

Salvador Allende

 
Die 11. September... hören wahrscheinlich so schnell nicht auf, die Welt zu verändern.

Die Folgen der Folgen der Folgen der Folgen der Ursachen der Ursachen....

Eine persönliche Miniaturfolge: irgendwann im Sommer 2007 sind leider nach meinen Umfragen auch die 'Gedankensammlung' mit einigen Beiträgen von Besuchern meiner Website und mein Weblog 'Traumrufers Stille' verschwunden.

Aber nicht etwa, weil da irgendein gefährliches Material zu finden gewesen wäre. Nein, die Erklärung ist ganz simpel: der Provider Parsimony stellte den Service dafür ein. Ich kann's verschmerzen, das Material gelegentlich aus Backups rekonstruieren und vielleicht auch alternative Scripts installieren. Das ist nicht viel Arbeit. Es ist nicht wichtig, ich würde es vielleicht gar nicht erwähnen.

Aber Parsimony plant zur Zeit, demnächst seinen ganzen Betrieb mit allen zig-tausend Foren und Weblogs und Gästebüchern wegen der sich ändernden Gesetzeslage in Deutschland einzustellen. (Gründe waren dort nachlesbar --- der Link geht mittlerweile ins Leere, das Material ist fort, die Foren alle verschwunden. Als Hauptgrund wurde die zunehmende Überwachungsgier deutscher Behörden und die dazugehörige Gesetzgebung zur Vorratsdatenspeicherung genannt, der sich Parsimony nicht unterwerfen wollte. Die Datensammelwut ist mittlerweile immer noch oder wieder umstritten, kommt vielleicht hoffentlich doch nicht so, wie es sich Schäuble und Co gedacht hatten, aber... wer weiß... und für Parsimony ist es eh zu spät.)

Und das ist eine ganz andere Sache, als wenn irgendeines von Millionen Weblogs verschwindet. Dieses eine Blog kann man irgendwie ersetzen, auch Foren kann man auf der eigenen Website neu machen. Aber ein großer Provider wie Parsimony stellt auch eine Community dar, eine Kontaktplattform, weil jemand schauen kann: was gibt es da, welche Foren, welche Blogs, welche Themen? Wer hat da geschrieben, und was, und warum? Nachlesbar, noch Jahre, nachdem die virtuelle Tinte längst trocken ist. Was für ein Mensch schrieb dort?

Da gehen potentielle Möglichkeiten des Kontaktes, der Vernetzung und des Verständnisses anderer Menschen verloren.

Und wozu? Was ist damit gewonnen? Etwa mehr Sicherheit im Internet?

Oder sind da in Wahrheit andere Effekte beabsichtigt von Leuten, denen der freie und unkontrollierbare Meinungsaustausch im Internet sowieso suspekt ist, weil sich so eines Tages auch Meinungen oder Informationen verbreiten könnten, die man lieber verschweigen oder unterdrücken würde? Parsimony ist nun mal ein großer Provider und eine potentiell große Community. Und wird nicht der letzte sein, der unter solchen Bedingungen nicht weitermachen will.

Natürlich kann man sagen: alles fließt, die Welt ändert sich, kommt halt wieder was neues, was solls. Und natürlich ist Parsimony nicht der einzige Provider für Foren, und Aussehen und Funktion sind immer Geschmackssache. Mir persönlich waren Parsimonys Foren aber immer die liebsten, und ich denke, daß das nicht nur mir so ging. Die Userzahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Daher wäre es schön gewesen, wenn sich Parsimony, vielleicht zusammen mit anderen Providern, gegen das zunehmende Abgleiten dieser freien Demokratie in einen Überwachungsstaat zur Wehr gesetzt hätte. --- Oder hat man sich zur Wehr gesetzt? Habe ich es nur nicht mitbekommen, so selten, wie ich auf den Supportforen lese? Oder hätte man sich zur Wehr gesetzt, wenn es genügend User gegeben hätte, deren Unterstützung nicht nur darin bestand, ein Forum zu mieten und sich mit Beschwerden zu melden, wenn irgendwas nicht klappte, sondern die öfter, lautstarker und wenn's drauf ankommt auch 'wehrhafter' zum Ausdruck gebracht hätten, daß ihnen an dieser Community etwas liegt?

Aber solche Gedanken hätte man sich (hätte auch ich mir) vielleicht machen sollen, als an den Gesetzgebungen geschraubt wurde, anstatt sich nur wie jeder andere um den eigenen Kram zu kümmern und darauf zu vertrauen, daß es sich schon alles im Guten regeln würde.

Nun sind die Würfel für Parsimony wohl gefallen (?) und es bleibt nichts, außer den sorgenden Köpfen und Händen hinter dem Logo ein 'Danke' zu sagen. Für die Arbeit, für's Engagement, und auch dafür, daß man jetzt nicht einfach zumacht, sondern trotzdem noch an ein paar Stellen an Lösungen arbeitet. Allein das zeigt, daß es den Leuten nicht egal ist. Daß ihnen selbst an ihrer Community etwas liegt. Und daß auch für sie ein Stückchen virtuelle Heimat verloren geht.

Daneben sind die persönlichen Verluste --- verschwindend. Und doch sind auch sie da. Man kann nicht immer alles irgendwie rekonstruieren, man kann nicht immer so tun, als ob man weitermachen könnte, nahtlos. Nicht rekonstruierbar ist: voneinander zu wissen. Nicht nur das zu 'wissen', was in neuen Foren und neuen Blogs wieder rasch-rasch, weiter-weiter dahinrennen wird, als wäre es ein Wert ansich, uneinholbar schnell weg zu sein.

Im großen Internet, das Menschen verbinden könnte und auch Platz genug hätte, um an Menschen und ihre Gedanken zu erinnern, verschwinden halt wieder ein paar.

Zum Beispiel das Forum einer toten Freundin.

Ihre Gedanken bewegten die Welt nicht. Sie berührten nur im kleinen Kreis, nur im Alltag, manchmal. Wenn sich jemand freute, das zu lesen, was sie schrieb.

 
 
Wolfgang Uhlig
11. September 2007 / 17. Dezember 2007 / 18. April 2011
 
 
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